Norwegen

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Tour Nordkinn 1997
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Trekking zum Nordkinn 2001 von V. Hartwig (ext. Link)
Trekking zum Nordkinn 2002 von V. Hartwig (ext. Link)
Tour Nordkinn von J. Hermann auf der HP von S. Hörberg (ext. Link)

Steinekraxelei zwischen Schnee und Seen

Nordkinn, der zweite Versuch
Wo Europa endet

Letzten Sommer hatte ich versucht, mit einer Wanderung das nördlichste Ende vom europäischen Festland zu erreichen, doch das klappte ja leider nicht. Dieses Jahr will ich einen neuen Versuch starten, diesmal mit meiner Freundin Petra und diesmal besser vorbereitet. Weiß ich jetzt, was mich erwartet!

Eine deutsche Fluggesellschaft bietet den Flug statt nach Lakselv diesmal bis Tromsø an. Und wie im Jahr zuvor gibt es für speziell Interessierte die Möglichkeit, den Flug für knapp 300 DM zu buchen. Dafür müssen sie aber in der selben Nacht mit der selben Maschine zurückfliegen. Ob man da noch von Reisekultur sprechen kann, wagen wir zu bezweifeln.

Das Wetter in Tromsø ist wesentlich besser als in Düsseldorf. Es soll sich sogar noch während der Tour als unangenehm heiß zeigen. In und um Tromsø bringen wir uns zwei Tage lang mit kleineren Wanderungen in Form. Petra freut sich, als sie auf dem Storsteinen in ein Schneefeld stürzen kann. Schnee im Juli und in Sichtweite das Meer ist für sie schon etwas besonderes.

Nach diesen zwei Tagen fahren wir mit dem Postschiff von Tromsø aus in Richtung Nordkinnhalbinsel. In Hammerfest spurten wir morgens um halb Sieben von Bord, da wir unbedingt Mitglieder im Eisbärenclub werden wollen - und siehe da, er hat sogar geöffnet: extra für die Postschiffreisenden! Zwar sind wir an diesem frühen Morgen die einzigen Neumitglieder, aber das südwärts gehende Schiff hält mittags für längere Zeit. Da sind bestimmt mehr potentielle Mitglieder an Bord. Was haben wir von dem Beitritt? Ein Postkarte, eine Eisbärenanstecknadel aus Perlmutter, eine Urkunde und die Clubregeln. Und was hat der Eisbärenclub von unserem Beitritt? Einen kleinen Geldsegen im Dienstleistungsbereich. Bei mittlerweile mehr als 100.000 Mitgliedern eine doch bemerkenswerte Sache...

Der Hurtigrutenstopp auf der Nordkapinsel Magerøy ist mein drittes und Petras erstes Nordkaperlebnis. Und dieses Mal ist endlich kaum Nebel! Das Nordkaphorn sehen wir zum ersten Mal, ebenso westlich die Landzunge Knivskjellødden, immerhin etwas nördlicher als das Nordkap selbst. Petra und ich gehen von dem Nordkapmonument aus die Küste nach Osten und halten erfolgreich Ausschau zur Nordkinnhalbinsel, die sich fern und fein in südöstlicher Richtung vom Horizont abhebt. Laut Baedecker ist es 63 Kilometer in südöstlicher Richtung vom Nordkap entfernt.

Abends legt das Postschiff in Mehamn an, und wir gehen von Bord. Eigentlich wollen wir in dem Hotel im Ort übernachten, wo ich schon letztes Jahr Station machte. Doch das Hotel ist zu unserer Überraschung geschlossen! Es sei bereits seit einem halben Jahr zu, der Eigentümer habe bankrott gemacht, so erzählt es uns Inge (in dem Fall ein Männername) vom Hamburgerrestaurant gegenüber. Inge selbst scheint ein Hansdampf in allen Gassen zu sein. Er organisiert uns eine Übernachtungsmöglichkeit in dem Clubhaus des örtlichen Tauchclubs, schlägt uns eine günstige Wanderroute nach Kinnarodden vor, nennt uns eine Hütte unterwegs, die wir nutzen dürfen, prophezeit uns gutes Wetter für die nächsten fünf Tage und zwischendurch brutzelt er uns zwei köstliche Hamburger.

Erster Tag

Um zu dem Startpunkt unserer Wanderung zum nördlichsten Flecken vom europäischen Festland zu gelangen, fahren wir erst mal rund sechs Kilometer mit dem Bus die Landstraße 888 südwärts. Der Fahrer lässt uns bei einem Landstrich namens Ostebakkan raus. Wir klettern den Abhang herunter, und vor uns erstreckt sich breit und reißend das Bächlein Mehamnelva.

Die Querung dauert etwas mehr als eine halbe Stunde, und der nächste Anstieg bringt uns schon gut außer Atem. Die erste Rast ist fällig. Dabei sind wir erst von der Straße, von wo aus wir gestartet sind, nur wenige hundert Meter entfernt.

Für die rund 60 Kilometer bis zum Nordkinn und zurück haben wir u. a. wegen des schwierigen Weges fünf Tage eingeplant. Statt der teuren, relativ ungenießbaren Trekkingmahlzeiten haben wir uns diesmal reichlich mit billigen Knorrtütchen eingedeckt. Diese schmecken uns zwar leckerer, aber  „sie verfügten nicht über die so wichtigen komplexen Kohlenhydrate“, wie uns der Verkäufer in einem Düsseldorfer Trekkingladen erklärte,  „schließlich brauche man so was auf solch einer Wanderung!“. Zum unserem Tütchenproviant kommen viel Schokolade, Nüsse und Müsliriegel. Wir sind schließlich nicht auf einer Nordpolexpedition unterwegs, und ein paar Pfunde weniger tun uns auch ganz gut... Jeder von uns schleppt rund 13 Kilo auf seinem Rücken. Immerhin sind es vier Kilo weniger als bei meiner alleinigen Wanderung im Vorjahr (siehe Nordkinn 97).

Nach sieben Stunden Wanderung, einigen Bachquerungen und zig Bergklettereien erreichen wir am Abend die Steinhütte, von der uns Inge erzählt hat. Den angrenzenden See taufen wir Hüttensee. Laut Karte haben wir gerade mal eine Strecke von sechs Kilometer zurückgelegt. Aber das schöne Wetter für die nächsten Tage stimmt uns positiv, und es ist gut, dass wir nicht das Zelt aufzubauen brauchen. Etwas weiter nordöstlich vom Hüttensee ist meine Lagerstätte vom Vorjahr. Wir sind zwar jetzt südlicher, aber dafür schon ein Drittel mehr westlich auf dem Weg nach Kinnarodden.

Die Hütte - eigentlich ein Teil eines alten Walfängerschiffes - ist undefinierbar alt, aber ausgestattet mit Gasherd, Sofas und zwei Schlafmöglichkeiten. Mehrere Schlafsäcke hängen von der Decke, nur ein bisschen modrig riecht es. Wahrscheinlich ist die Hütte schon länger nicht mehr genutzt worden. Etliche Flaschen gefüllt mit Hochprozentigem stehen in den Regalen.  „Wahrscheinlich für Männerabende...“, bemerkt Petra, die sich doch ein bisschen vor den schabenden und knabbernden Geräuschen unter dem Hüttenboden scheut. Dafür ist die Hütte lichtdicht, und ich zumindest kann für die erste Nacht gut schlafen, da es ja hier oben bis Ende Juli ununterbrochen taghell ist.

Eine komplette Tagesration lassen wir für unseren Rückweg zurück. Das Wasser aus dem angrenzenden See schmeckt nicht so gut wie aus den Bachläufen zuvor. An den Uferrändern sind Schaumkronen auf dem Wasser, obwohl es nicht windig ist.

Zweiter  Tag

Am Morgen geht uns das Packen der Rucksäcke schon besser von Hand. Das Marschieren durch das immer steiniger werdende Gelände klappt schneller und besser. Aber prompt mache ich einen Fehltritt, und meine Gelenkverletzung im rechten Fuß meldet sich schmerzhaft zurück. Sofort ziehe ich meine Schuhe aus und halte den Fuß in den kalten Bach. Nach einiger Zeit ist der Fuß kältetaub, und ich schlüpfe wieder in die Schuhe. Inge hat uns vor einer Rettungsaktion gewarnt. Diese würde sehr teuer werden, da extra ein Hubschrauber angefordert werden müsse. Ich beiße auf die Zähne und klettere weiter von Stein zu Stein. Als eine Ironie des Schicksals können wir dann eine Rentierfamilie beobachten, die leichtfüßig erst von Eisfeld zu Eisfeld eilt und schnell über den holprigen Boden entschwindet.

Weitere Eisfelder laden uns zum angenehmen Wandern ein, aber auch zu unfreiwilligen Rutschpartien. Auf ihnen können wir lange Strecken gut und schnell zurücklegen. Ebenso können wir die roten Stäbe gut entdecken, die den Wanderweg markieren. Doch im Schnee ein Schrei von Petra: Auch sie ist mit dem Fuß umgeknickt. Die Eisfelder erweisen sich nämlich als heimtückisch. Unter dem Eis kann eine große, freie, schon weggetaute Fläche sein. Ein Einkrachen bis zu den Knien besonders an den Rändern der Eisfelder ist bei diesem warmen Wetter sogar sehr wahrscheinlich. Petra beißt auch auf ihre Zähne, und viel vorsichtiger kraxeln wir weiter, immer die teure Rettungsaktion vor Augen.

Laut Landkarte (Maßstab 1:50.000) schwenken wir jetzt auf den Bjørnviktuva ein, den vermeintlichen Wandervorschlag. Dies ist zwar wirklich eine mögliche Wanderroute, aber die gestrichelte Linie markiert die Grenze der beiden Gemeinden Lebesby und Gamvik. Er heißt wohl auch deswegen Bjørnvik, weil es tatsächlich ein Bärenweg ist: Er fordert uns Bärenkräfte ab, überall ein schier endloses Meer von Felsblöcken. Petra und ich sind froh, dass wir Wanderstöcke dabei haben. Die Streckenleistung sinkt merklich, und einige Beinahstürze lassen uns noch behutsamer werden. Schmarotzerraubmöwen umschwärmen uns aufgeregt, während wir für weniger als 1000 Meter mehr als eine Stunde brauchen.

Plötzlich passiert Petra ein größeres Flugzeugwrackteil: ein rundes Kabinenfenster. Wahrscheinlich ließen es sammelwütige Wanderer wegen des anstrengenden Weges zurück. Wir wissen aus anderen Reiseberichten, dass weiter nördlich hier am Nordkinn die Wracks von zwei deutschen Flugzeugen liegen müssen, die 1942 niedergegangen sind. Eines (oder beide?) soll bei dem Kampf um das Schlachtschiff Scharnhorst abgeschossen worden sein.

Wir trennen uns, weil jeder glaubt, die leichtere Route gefunden zu haben. Petra klettert zielstrebig geradeaus, immer weiter durch die Steinblöcke. Ich mache dagegen einen Bogen nach rechts, weil dort zwei längere Eisfelder den Berg hochführen. Aber was ich durch die Eisfelder an Zeit gewinne, muss ich doppelt und dreifach in den Umweg stecken. Auf dem Hochplateau haben wir uns schließlich verloren. Trotz Trillerpfeifen und Rufen dauert es einige Zeit, bis wir uns wiederfinden.

Da wir heute schon mehr Zeit als geplant gelassen haben und langsam mehr und mehr Nebelschwaden den Blick auf die Sonne verschleiern, entschließen wir uns, ein Nachtlager zu suchen. Das ist hier in der Gegend nicht mehr so einfach. An einem See mit zwei langen Eisfeldern links und rechts an den Seiten werden wir endlich fündig. Am Ufer finden wir eine flache Stelle, die für unser Zwei-Personen-Zelt reicht. Obendrein können wir in der Nähe auf den Steinen gut kochen und essen - in diesen Steinaufschüttungen ist soviel ebener Boden keine Selbstverständlichkeit mehr. Richtig gemütlich ist es hier in der Wildnis! Diesen See nennen wir Schneesee, ein richtiger Traumsee.

Mein Mobiltelefon (zwei Watt) zeigt sogar noch die Möglichkeit einer Verbindung an. Sofort probieren wir es aus und telefonieren mit den Daheimgebliebenen: In Düsseldorf regnet es, und es ist kalt - kälter als bei uns hier im sonnigen Norden. Eigentlich ist das Mobiltelefon nur für den Notfall vorgesehen. Und dass es notwendig ist, eines dabei zu haben, erleben wir zwei Tage weiter. Aber zum Glück nicht bei uns, doch davon später mehr.

Richtig kalt wird es am Abend. Mit klappernden Zähnen machen wir uns schlafsackfertig. (Geschätzt ist es ungefähr 20 Grad und mehr am Tage! Die Nachtkühle ist mit gemessenen vier Grad als eisig zu bezeichnen.). Wir schlafen nicht sofort ein, denn die Füße schmerzen. Es kribbelt bis in die Knie, durch die Nervenbahnen schießen heftige Schmerzsalven.

Dritter Tag

Am nächsten Morgen brechen wir in Richtung Sandfjord auf. Übrigens nicht die einzige kartographierte Lokalität namens Sandfjord hier auf der Nordkinnhalbinsel. Im Nordosten ergießt sich ein weiterer Sandfjordelva in einen weiteren Sandfjord. Den Weg durch unseren Sandfjord hat uns Inge aufgemalt. Von dort wollen wir auf Meereshöhenniveau am Küstenrand des Nordkinnfingers entlang wandern, um von unten her den rund 300 Meter hohen Anstieg zu schaffen.

Auf dem Weg zum Sandfjord wandern wir an einem der beiden Flugzeugwracks vorbei. Ziemlich zerfetzt sieht es aus. Überall liegen Teile herum, 56 Jahre nach dem Absturz. Wie wir später erfahren, soll der Pilot versucht haben, die Maschine auf dem Hochplateau zu landen und ist dabei aber die Abhänge heruntergestürzt. Angeblich haben alle überlebt. Auf jeden Fall sieht das Wrack verheerend aus. (Die Wracks sind im Herbst 2001 geborgen worden.)

Der Boden ist nun leichter zu begehen, je näher wir an die Küste kommen. In der Bucht dümpeln zwei Fischerboote, die aber nacheinander ins offene Meer abdrehen. Letztes Jahr konnte ich hier in der Bucht mehrere Weißwale bei ihrer Mahlzeit zuschauen.

Kurz bevor wir den Strand erreichen, versperrt uns ein rund 50 Meter tiefer, fast senkrechter grüner Abhang den Weg. Damit haben wir nicht gerechnet! Für uns unerfahrene Kletterer ist das zu gefährlich, besonders weil ich Schwierigkeiten mit dem rechten Bein habe. Wir gehen die Kante ab, um einen geeigneten Abstieg zu finden. Aber nirgendwo bietet sich eine Abstiegsmöglichkeit. Ein einsames Motorboot liegt am Strand. Doch wo sind die Leute, die zu diesem Boot gehören?

Da sich heute keine Gelegenheit mehr bietet, das Nordkinn zu erreichen, wandern wir bis zu dem Bach Sandfjordelva zurück, von wo aus wir am nächsten Tag das Hochplateau erklimmen wollen. In der Ferne können wir schließlich die Leute entdecken, die zu dem Boot gehören. Es scheint eine Familie zu sein, die die Seen hier zum Angeln nutzt und am Nachmittag wieder zum Boot zurückkehrt. Für uns ist es ein komisches Gefühl, wieder Menschen zu sehen.

Das Zelt ist am Bach schnell aufgebaut, aber der Boden ist sehr steinig. Das Bewegen ohne Wanderstöcke fällt uns schwer. Es ist fast gefährlicher, die fünf Meter vom Zelt zum Kochplatz zurück zu legen, als die steinigen Berge zu besteigen.

Unsere Knorrtütchen langen prima. Bei entsprechender Rationierung könnten wir nochmals fünf Tage wandern. Doch so langsam neigt sich das Benzin für unseren Kocher dem Ende zu. So müssen wir am nächsten Morgen auf Kaffee und Cappuccino verzichten, um Sprit zu sparen.

Vierter Tag

Der Anstieg am nächsten Morgen ist knochenhart. Petra verläuft sich auf der Suche nach einem geeigneten Aufstieg und  „schwimmt“ mal wieder durch ein Steinmeer. Ich dagegen habe Glück und finde etwas tiefer eine gute Passiermöglichkeit durch das Geröll. Während des Aufstieges sehe ich im Sandfjord meine 'Freunde' vom Vorjahr wieder - mehrere Weißwale sind im Sandfjord unterwegs.

Von einem der höchsten Punkte unserer Tour, dem 300 Meter hohen Magkeilfjordfjellet, haben wir einen schönen Blick auf die Küste der Nordkinnhalbinsel hinüber über das 135 Meter hohe Kap Smørbringen bis zum Kap Kamøynœringen, welches laut Karte 137 Meter hoch ist. Direkt links daneben liegt die kleine Felseninsel Kamøya, die uns an den zackigen Rücken einer Riesenechse erinnert.

Vor uns erstreckt sich ein großer See, von uns Mückensee getauft. Diese Wasserstelle ist die letzte Möglichkeit, unsere Wasserflaschen zu füllen. Die Uferregion ist sehr sumpfig. Ein ständiges helles und lautes Surren der Mücken erfüllt die Luft. Schwarze Wolken dieser Plagegeister umhüllen uns. Doch unser Leid ist des anderen Freud’: Die Vögel leben hier wie im Schlaraffenland. Sie brauchen nur während ihres Fluges ihren Schnabel zu öffnen, um Nahrung aufzunehmen. Schmarotzerraubmöwen tummeln sich im Verfolgungsflug, Küstenseeschwalben greifen uns an, und andere Möwenarten geifern lautstark hinter uns her. Ob das Wasser im See, der über keinen Zulauf verfügt, doch so ganz sauber ist, wagen wir wegen des strengen Geruchs von Vogelmist und angesichts der darauf schwimmenden Vögel zu bezweifeln. In der Nähe des Sees finden wir auf dem sumpfigen Boden dennoch einen Lagerplatz für unsere Rucksäcke. Ich präge mir die Stelle gut ein, und mit dem Kompass nach Norden marschieren wir die noch vier Kilometer lange Strecke los. Ein Irrtum, wie es sich bald zeigen wird.

Statt des Nordkinns erreichen wir das weiter östlich gelegene Kap Maghetta. Wir haben die magnetische Deklination nicht berücksichtigt: Wenn die Kompassnadel nämlich auf Norden zeigt, weist sie auf den magnetischen Nordpol, die Karte ist aber auf den geographischen Nordpol ausgerichtet. Hier oben im Norden macht sich diese Differenz schon stärker bemerkbar. Und so kurz vor dem Ziel kümmern wir uns natürlich nicht mehr um Kleinigkeiten und geraten zu weit östlich.

Dabei treffen wir auf ein paar Rentiere, die blindlings in unsere Richtung rennen, da wir gegen den Wind stehen. Erst als wir laut rufen, bemerken sie uns endlich. Sonst hätten sie uns bestimmt über den Haufen gerannt!

Zum Glück kenne ich das Nordkinn noch vom letzten Jahr her. Auf jeden Fall bin ich stark irritiert, den mir bekannten Felsen ganz weit nordwestlich zu erblicken. Wir ändern die Marschrichtung und müssen alle Geländeorientierungspunkte aufgeben, die uns zu unseren Rucksäcken zurücklotsen sollten. Aber ich glaube den Lagerplatz noch gut im Gedächtnis...

Kurz vor dem Nordkinn treffen wir auf das Wrack der zweiten deutschen Jagdmaschine, welches im Gegensatz zur ersten erstaunlich gut erhalten ist. Das Wandern ist heute wegen der heißen Sonne recht schwer. Da wir auf den Armen, im Nacken und Gesichtern schon rot sind, müssen wir unsere dicken Fleece-Shirts anziehen, um uns vor die Sonne zu schützen. Dadurch schwitzen wir in unseren Polyestersachen um so mehr. In Strömen läuft uns der Schweiß den Rücken herunter.

Schließlich erreichen wir die letzte Senke. Wir haben uns schon vorher darauf geeinigt, dass, wenn wir keinen geeigneten Abstieg fänden, unsere Wanderung hier erfolgreich zu Ende sei. Um die restlichen paar hundert Meter zu passieren, hätten wir erst über einen sehr steilen und gerölligen Grund 160 Meter in die Tiefe und dann wieder in die Höhe gemusst. Das ist in unseren Augen falscher Ehrgeiz. Das Ziel der Wanderung ist der Weg, und den haben wir mit Erfolg bewältigt.

Wir fallen uns in die Arme, stoßen mit Wasser aus dem Mückensee an, verspeisen zwei Müsliriegel und machen unser Erfolgsfoto. Jetzt sind wir die nördlichsten Menschen auf dem europäischen Festland... Wirklich die nördlichsten Menschen? Petra stößt mich irritiert an und gibt mir das Fernglas. Tatsächlich, zwei Gestalten steigen durch die Senke die andere Seite hoch, die noch nördlicher ist, bleiben dort einige wenige Minuten (wirklich Minuten) und steigen wieder hinunter.

In der Bucht liegt ein größeres Schiff. Für uns gehören die beiden offensichtlich zu diesem Schiff. Durch das Fernglas können wir jetzt eine Frau und einen Mann erkennen. Während die Frau weit vorgeht, hat der Mann wohl keine Schuhe an, wandert offensichtlich barfuss durch das mitunter sehr scharfkantige Geröll. So erspähen wir die Situation. Für uns ist klar: Das sind Touristen, die sich mit dem Schiff haben an die Küste fahren lassen, und die mal eben schnell auf den nördlichsten Punkt klettern wollen.

Bald sind die beiden aus der Senke heraus verschwunden, und Petra und ich sind - endlich - die nördlichsten Menschen in Europa, alles ist jetzt südlich. Wir sonnen uns in Ruhm und Sonne. Die Auflösung des Rätsels um die beiden Wanderer sollen wir aber bei unserer Rückkehr in Mehamn erfahren.

Ein letzter Ausschau ins Rund, der Rückweg ruft. Diesmal halten wir uns genau in Laufrichtung zum Mückensee, doch dieser Weg ist viel steiniger. Auf halben Wege drehen wir uns zu einem letzten Blick um. Was wir sehen, lässt unseren Puls schneller schlagen, aber nicht zu unserer Freude: Dichter Nebel quillt hinter uns her, verfolgt uns regelrecht.

Wir beeilen uns, zu unseren Rucksäcken zu kommen. Es ist ein richtiges Wettrennen zum Mückensee. Plötzlich ruft Petra:  „Da liegen ja unsere Rucksäcke...“ Durch Zufall haben wir sie wieder gefunden, so weit ist es wohl mit meinem Ortsgedächtnis nicht her. Aber zu meiner Verteidigung muss ich erwähnen, dass sich zwischenzeitlich die optische Entfernung verändert hat, alles scheint jetzt weiter weg zu sein.

Aber dennoch haben wir Glück im Wetterpech, schultern unsere Rucksäcke und stürmen weiter südwärts. Der dichte Nebel, der vom Meer über das Nordkinn kriecht, kommt immer schneller. Den Abstieg vom Hochplateau zum Sandfjordelva klappt gut. An den Ufern des Baches vorbei gelangen wir mit stark schmerzenden Füßen und völlig fix und fertig wieder an unserem Schneesee, immer noch den Nebel dicht im Nacken. Rund 20 Kilometer haben wir heute in einem kräftezehrenden Gelände zurückgelegt.

Während wir das Zelt aufbauen, holt uns der Nebel schließlich ein. Die Eisfelder an den Ufern spiegeln sich gerade noch scharf im glatten Wasser. Sekunden später huschen feuchte Nebelschwaden geisterhaft über die Berge, passieren unseren See, unser Zelt. Dazu vollkommene Stille. Träumend schauen wir aus dem Zelt. Der Höhepunkt unserer Wanderung ist geschafft, das Ziel unserer Wünsche erreicht. Zufrieden und glücklich schlafen wir ein. Dieser Tag hat alles von uns gefordert.

Fünfter Tag

Dichter Nebel hüllt uns noch am Morgen ein. Es ist kalt. Anfangs finden wir die roten Stangen gut, ebenso wie die älteren Steinhaufen, die markant in der Gegend stehen. Doch beim Knick nach Osten passiert es, wir kommen im Nebel vom Weg ab. Zwar stehen da hin und wieder die alten Steinmarkierungen, aber es ist keine rote Stange mehr zu sehen. Die Täler und Seen sind uns gänzlich unbekannt und in unserem Kartenausschnitt nicht mehr eingetragen. Wir gehen zu weit westlich. Mit Kompass versuchen wir, zur letzten Stangenmarkierung zurückzukehren.

Auf halben Wege ist es wieder Petra, die weit östlich einen dieser roten Striche in der Landschaft entdecken kann. Wir sind wieder auf unserem Weg! Der Umweg hat fast eine Stunde gekostet. Es hätte auch leicht mehr werden können...

Doch die nächste unangenehme Überraschung erwartet uns. Durch das sehr warme Wetter der letzten Tage sind die Eispisten, die uns das Wandern so erleichtert haben, fast ganz weg geschmolzen. Zutage kommen die gleichen großen Steinbrocken, die uns das Leben schon die ganze Zeit erheblich erschweren.

Nach stundenlanger Wanderung entdeckt Petra das Wrackteil vom Hinweg wieder. Doch die nächste rote Stange ist nicht zu sehen. Wir lassen uns auf einer ungefähr zwei Quadratmeter großen planen Fläche eines Steines nieder, um uns neu zu orientieren. Übrigens die einzige Möglichkeit zur Pause weit und breit. Mit Fernglas versuche ich, den nächsten roten Stab ausfindig zu machen. Zwei, dreimal halte ich den roten Strich in der Optik für eine Lichtreflexion. Doch dann bin ich sicher, es ist wirklich die nächste Markierung. Sie ist kaum zu sehen.

Bis zu der Hütte sind es nur noch rund zwei Kilometer, doch der Bjørnvik macht seinen Namen wieder alle Ehre. Mittlerweile beherrscht die Sonne wieder das Himmelsgeschehen. Dabei können wir das Phänomen eines Halos beobachten, eine ringartige, atmosphärische Erscheinung um die Sonne. Der Halo entsteht im allgemeinen durch die Eiskristalle hoher Wolken.

Der Blick zu den nördlichen Bergen verheißt uns aber weiter Nebel. Wir setzen die mörderische Steinkletterei weiter fort. Während Petra sich eisern an die Wanderroute hält, versuche ich mal wieder den Weg des geringsten Widerstandes. Doch mein vermeintlich leichter Weg endet diesmal abrupt auf einem Steilhang und keine Möglichkeit zum Abstieg.

Nach einiger Zeit taucht Petra unterhalb des Berges auf. Mit Zurufen verständigen wir uns, dass wir gemeinsam zurückgingen und Petra mir dann signalisieren sollte, wenn sich für mich eine Abstiegsmöglichkeit böte. Nach einer weiteren halben Stunde bin auch ich endlich unten.

Die letzte Linkskurve zur Hütte nehmen wir mit drei Bachüberquerungen und viel Hin- und Herkletterei, dann erwartet uns das feste Dach der Hütte über den Kopf. Durch die Fensterabdeckungen an den Fenstern haben wir endlich wieder eine dunkle Nacht.

Sechster  Tag

Inge hat uns eine günstige Wetterprognose für fünf Tage gegeben, heute ist der sechste. Es ist diesig, aber zumindest liegt kein Regen in der Luft. Und es ist der Tag des kleinen WM-Finales. Kroatien spielt nachmittags gegen Holland.

Während der Wanderung hat uns Freund Andreas mit Kurzmitteilungen (neudeutsch: SMS) von der WM auf der Anzeige versorgt. Diese alphanumerischen Informationen können per Mobiltelefone übermittelt werden, und so wissen wir über den Stand der Dinge bescheid.

Selbst auf dem Postschiff hat dieser Service von Andreas funktioniert. So wussten wir immer die aktuellen Ergebnisse, da die interessanten WM-Spiele in Norwegen nur im bezahlten Fernsehen (Pay-TV) übertragen werden. Diese sind auf den Postschiffen sehr zum Leidwesen der mitfahrenden Touristen nicht zu sehen.

Die Felskletterei ist auch heute wieder kräfteraubend. Einen versteckten Rucksack mit überflüssigem Gepäck finden wir sofort wieder. Eine Rast, das kühle, leckere Wasser aus dem Sjørfjordelva und der letzte Kilometer liegt vor uns. Noch eine Bachquerung, wir haben es geschafft!

Rund sechzig Kilometer in sechs Tagen in einem anstrengenden Gelände. Wir haben es zwar geschafft, aber wir sind noch nicht am Ende unserer Wanderung. Die fußballbegeisterten Nordkinnmänner sitzen vor den Fernsehern, und die Landstraße 888 liegt verwaist da. Kein Auto oder Bus weit und breit, keine Mitfahrmöglichkeit bietet sich uns. Über uns kreist und schreit ein wohl hungriger Bussard...

Die gut sechs Kilometer nach Mehamn bereiten uns eigentlich keine Strapazen. Nur schmerzen nach dieser Asphaltwanderei plötzlich die Knie- und Fußgelenke.

Die Wiederkehr nach Mehamn und die Ankunft bei Inge’s Hamburgerrestaurant tun mir besonders gut, nach dem Abbruch der Wanderung im letzten Jahr. Inge steht klatschend im Fenster und ruft  „Congratulations“. Braungebrannt, beide mit gut zehn Pfund weniger auf den Rippen und ich mittlerweile mit Bart, so vertilgen wir bei Inge zwei große Hamburger mit Pommes. Die Zivilisation hat uns wieder.

Beim Essen erzählt uns Inge das Geheimnis der beiden Leute am Nordkinn, die wir durch das Fernglas beobachteten. Bei den beiden Wanderern handelte es sich um Finnen, die wie wir auch das Nordkinn als Ziel hatten. Er marschierte wirklich barfuß; wir hatten das durchs Fernglas richtig beobachtet. Denn im Steinmeer des Bjørnviktuva waren die Schuhe des einen Wanderers kaputtgegangen. Daraufhin mussten sie über ihr Mobiltelefon einen Notruf absetzen. Und so kam jenes Schiff zur Hilfe, welches wir in der Bucht gesehen hatten. Die beiden hatten sich retten lassen müssen, während wir die Tour ohne Hilfe von außen geschafft haben. Ein wenig stolz sind wir jetzt doch auf unsere Leistung und lachen uns an.

Inge gibt uns den Schlüssel zum Clubhaus des Tauchclubs, damit wir uns duschen können.  „It’s for free.“, lacht er. Damit endet das Abenteuer Nordkinn, das für uns eines der letzten Abenteuer in unberührten Gegenden Europas bedeutet, und bei dem wir wirklich viel Glück gehabt haben. Nur die beiden großen Zehen, die sind heute einige Wochen nach der Wanderung immer noch taub...

Autor: Th. Bujack

Veröffentlichung und Verbreitung nur mit Einverständnis des Autors!

Alle Rechte bei der  NORDLANDSEITE, 1998

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Norwegen aus der Luft.

 

Petra auf dem Storsteinen im Schnee.

 

Eisbärendressur in Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt. Im Gebäude dahinter ist der Eisbärenclub untergebracht.

Noch ein Tick nördlicher als das Nordkap selbst: Knivskjellødden auf der Insel Magerøy.

 

Die Aussicht, die mehr als 100.000 Touristen pro Jahr anzieht: Der Blick vom Nordkap.

 

Die erste Übernachtung in einer Hütte, die im wahrsten Sinn des Wortes steinalt ist.

 

Schnee und Steine, schwer ist die Strecke.

 

Der Ausblick vom Magkeilfjordfjellet.

 

Der Mückensee auf dem Hochplateau.

 

Das relativ gut erhaltene Wrack einer Ju88. Diese war bei dem Kampf um das Schiff Scharnhorst abgeschossen worden und musste notlanden.

 

Das ist das nördliche Ende von Europas Festland: der Nordkinnfinger mit dem Endpunkt Kinnarodden.

 

Jubel, das Ziel ist geschafft, das Nordkinn - das nördliche Ende von Europa - ist erreicht!

 

Der Schneesee bei unserer Ankunft...

... und wenige Minuten später.

Im Nebel bauen wir das Zelt auf.

 

Ein Bad im Steinmeer. Da wird die Wanderung zur regelrechten Knochenarbeit.

 

Rast im Geröll. Die einzige Möglichkeit zur Pause überhaupt.

 

Die Fußball-WM auf Mobiltelefon:

4.7.1998 23:59 "FRA-ITA 4:3 nE. BRA-DÄN 3:2. NL-ARG 2:1. DEU-KRO 0:3 :-(( Machts gut Andreas"

8.7.1998 22:58 "Moin, FRA-KRO 2:1 Ciao Andreas"

 

Unser guter Geist bei der Wanderung: Inge im Fenster seines Hamburgerrestaurants

 

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