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Bigings Reiseroute. 

(Für eine größere Darstellung bitte das Bild anklicken.)

 

Die Einödkirche

 

Der verlassene Kirchenraum.

 

Hier saßen die Kirchgänger.

Inari - eine Lapplandfahrt, 4. Teil

Kapitel: Robinson auf dem Inari-See

Kapitel: Die Einödkirche

Curt Biging mit einem großen Lachs vor der Hütte auf Hoika Petäjäsaari. 

Das Foto ist  im Buch spiegelverkehrt.

Der Autor an der selben Stelle mit leeren Händen und Hunger auf Fisch!

Robinson auf dem Inari-See

Überlebensanzug und Schutzhütte

So möchte ich noch die beschriebene Stelle in Bigings Buch, die Insel Hoikka Petäjäsaari, aufsuchen und starte meinen launigen 4-PS-Motor. Allerdings ist mir der finnische Wettergott mal wieder nicht wohl gesonnen. Über den schaukligen See fahre ich zur Insel Hoikka Petäjäsaari. Ein bunter Überlebensanzug schützt mich vor Nässe und Kälte, allerdings nicht gegen die Kopfschmerzen, die ich vom ewigen Aufschlagen des Bootes auf das Wasser bekomme.

Zwischen den Inseln wird das Wasser zwar ruhiger, aber die Untiefen verhindern eine schnellere Fahrt. Endlich erreiche ich Hoikka Petäjäsaari. Hier war also Curt Biging vor ungefähr 75 Jahren. Die autiotupa – die Schutzhütte - steht immer noch, nur der Windfang scheint aus neuerer Zeit.

Drinnen sind zwei Etagenbetten, ein Tisch und ein Bollerofen. Einigermaßen ordentlich sieht es hier aus. An den schwarz geräucherten Wänden finden sich viele Inschriften, Namen mit Jahresabgaben. Trotz intensiver Suche keine Signatur von Curt Biging. Die ältesten, die ich entdecken kann, stammen zwar auch aus den zwanziger Jahren, aber es sind finnische Namen:

"Man hat reichlich Auswahl zwischen Poesie und Prosa, (...) denn die Sorte von Schriftstellerei (...) ist meist von einer so robusten Art, daß sie zarten Gemütern nicht gerade empfohlen werden kann." (S. 158)

Biging ist von der Hütte aber nicht begeistert:

"In der Hütte sieht aus wie im Schweinestall, der Tisch am Fenster klebt vor Dreck. Brennholz und Reisig liegen im ganzen Raum verstreut, fettiges Papier, ein paar undefinierbare Lumpen. Vom Tisch ist ein Brett losgeschlagen, die obere der beiden Schlafpritschen in der Ecke am Fenster besteht nur noch aus einem Rahmen ohne Boden." (S. 148f)

Einige Tage bleibt Biging hier, reinigt die Hütte und angelt kräftig Lachse:

"Alle Tage Lachs wird einem auch über" (S. 148)

Am Ufer sitze ich auf Holzbänken, die um eine Feuerstelle herum aufgestellt sind, der Blick ist herrlich, aber es fängt an zu regnen. Biging hat vor Ort mehr Pech mit dem Wetter. Eines Tages fährt er zum Angeln hinaus, mit dabei hat er:

"(...) Karte, Kompaß, Streichhölzer und ein paar Zigaretten." (S. 152)

Auf Höhe der Inselgruppe Silkasaari (Nicht unter diesem Namen auf der Karte verzeichnet) holt ihn ein heftiges Unwetter ein. Es wird finster um Biging:

"Es ist richtige Nacht, der See um mich ist schwarz wie Tinte, von weißen Schaumkronen geriffelt." (S. 153)

Ganz erschöpft muss Biging am nächste Tag feststellen, dass er seine "Kräfte überschätzt und den Sturm unterschätzt" (S. 153) hat. Er ist davon überzeugt, dass er "die Sonne des nächsten Tages nicht sehen würde." (S. 154). Außerdem verliert er völlig die Orientierung.

Wie Biging später erkennt, ist er im Sturm bis an das westliche Festland getrieben worden. Physisch und psychisch am Ende muss er gut acht Stunden bei immer noch welligem See südwärts zurück paddeln.

"Des Teufels Kochtopf"

Mit zwei deutschen Freunden, die ihn auf Hoikka Petäjäsaari besuchen, verbringt Biging noch weitere Tage in der Hütte. Aber das Wetter ist immer noch erschreckend:

"Die Nacht ist finster, der Wind geht nicht laut, aber durch die Stille der Dunkelheit hört man von Norden das Getöse der Brandung wie das Gebrüll von wilden Tieren. Es ist kein Geräusch, es ist ein Tönen, es steckt etwas Organisches, Bewußtes, Drohendes darin, als wären es nicht toter Stein und totes Wasser, die dieses Tosen verursachen." (S. 160)

Die Rückfahrt nach Inari fasst Biging als eine Fahrt durch des "Teufels Kochtopf" (S. 162) zusammen. Auf jeden Fall freuen sich Biging und seine Begleiter auf guten Rückenwind, als sie die Insel Ukko passieren. Aber der Wettergott spielt ihnen hier wieder einen Streich, eine totale Flaute setzt ein, und eine mühselige Paddelei folgt. Abends im Dunkeln erreichen sie endlich das Kirchdorf Inari.

Die Einödkirche

Biging will mit drei anderen deutschen Touristen die Einödkirche Pielpajärven Erämaakirkko, nordöstlich vom Kirchdorf gelegen, besuchen: kein Hinweis in der Karte, kein Weg, keine Schilder deuten auf die verlassene Einödkirche hin. Nach stundenlangem Herumirren brechen die Wanderer den Versuch ab. Dabei hat sich Biging zuvor gerühmt, die Einödkirche sogar ohne Kompass zu finden:

"Wir waren an diesem Abend noch höflicher zueinander als sonst, und wenn Männer in der Wildnis ganz beängstigend höflich werden, ist das immer ein Zeichen, daß das Pulverfaß offen steht." (S. 165)

Allein wagt Biging später einen neuen Versuch und übernachtet in der Bucht Pielpavuono in der Nähe der Einödkirche. Dort markiert er für spätere Wanderer die Landungsstelle und den Weg hinein in den Wald:

"Ohne genaue Angabe ist die Stelle wirklich nicht zu finden." (S. 166)

Bunter Wanderweg

Bei schönstem Wetter lande ich in der Bucht Pielpavuono. Bei einem schwarzen, rechteckigem und Lastwagen großen Findling kann ich anlegen. Hier ist ein Grillplatz eingerichtet, und eine finnische Familie brät ihre frisch gefangenen Fische über dem flammenden Feuer.

In nordöstlicher Richtung wandere ich los. Bei den vielen farbigen Markierungen beidseitig des breit ausgetretenen Wanderweges werde ich fast farbenblind, auch liegen lange schmale Holzplanken über die sumpfigen Böden. Keine Möglichkeit sich zu verlaufen, die Einödkirche scheint gut in das lokale Touristikangebot eingebunden zu sein.

Der Fußmarsch dauert eine gute Stunde und führt durch eine wunderschöne lappländische Landschaft, von der auch Biging schwärmt:

"Der Weg nach der alten Kirche gehört zu den schönsten Strecken der Gegend; das Gelände ist hügelig, zahlreiche Seen sind in die weiten Wälder eingebettet." (S. 166)

Der Wald ist still, einsam und allein wandere ich durch die Tundralandschaft. Hinter einer Biegung passiere ich eine alte Hütte, ein große Lichtung mit grünem Gras und blauen Blumen schließt sich an. Und am Ende der Wiese sehe ich die verlassene und über 340 Jahre alte Einödkirche!

Auf dieser Lichtung trafen sich früher die Leute vor dem Gottesdienst. Mittlerweile zerfallene Gebäude zeugen noch von dem Gemeinschaftsleben. Die hölzerne Einödkirche selbst aber sieht aus wie auf den Fotos im Buch. Auf den ersten Blick hat sich hier nichts verändert, braunschwarz sind die zerfaserten Holzplanken. Die Kirche scheint in ihrer Bauweise eine Mischung aus den norwegischen Stabskirchen und den orthodoxen Gotteshäusern Russlands zu sein. Hier im Urwald hat die Kirche eher etwas Unheimliches an sich. Vielleicht ist das die Burg der Gnome?

Schreck in der Wildnis

Und prompt erschrecke ich mich hier in der Einöde fast zu Tode: Urplötzlich taucht hinter mir eine Gruppe junger Frauen auf. Touristinnen aus Neuseeland auf der Durchreise. Ihre Sprache soll Englisch sein, ich verstehe kein Wort.

Im Vorraum der Kirche hockt im dicken Norweger-Pullover ein finnischer Junge lesend am Boden. Er heißt Tatu, ist 16 Jahre alt und macht hier seinen Ferienjob. Er verkauft Postkarten und Informationsmaterial zur Kirche. Bezahlt wird er von der Gemeinde. Von ihm erfahre ich, dass die Kirche in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts verlassen wurde, weil im Kirchdorf die neue Kirche erbaut worden war. In dem Zustand fand sie Biging dann etwa 50 Jahre später vor. Aber, das verrät mir Tatu, die Kirche ist vor etwa 30 Jahren wieder restauriert worden - mit viel Liebe zum Detail, wie ich anhand der Holzmalereien im Kirchenraum erkennen kann.

Autogramme im Glockenturm

Wie viel Leute waren heute hier, möchte ich wissen. Heute habe er mit mir 13 Leute registriert, zwei Tage zuvor waren es sogar 88 Besucher, erzählt er. Ich fotografiere die Kirche und klettere in den Glockenturm. Das alte Holz im Gebälk ist hart wie Stein. Auch hier sind ganz viele Autogramme und Sprüche von verewigungsfreudigen Menschen, die sogar bis 1897 zurück reichen, aber wieder kein verschnörkelter Curt Biging.

Es ist 18 Uhr. Tatu macht Feierabend, packt seine Sachen, winkt mir zu und macht sich auf den Rückweg. Er geht den steinigen Waldweg in südwestliche Richtung zum Kirchdorf zurück, bis zum Zentrum immerhin etwa zehn Kilometer - bis zum Parkplatz etwa fünf Kilometer. Jetzt stehe ich wieder allein bei herrlichem Wetter in diesem herrlichen Wald. Auf mich warten nur etwa drei Kilometer bis zu meinem Boot. Morgen muss ich wieder in Ivalo sein, da mich mein Rückflug wieder nach Deutschland bringt. Tschüss Inari, tschüss Ukko Donnergott.

Abschied

"Bald bellt nahe ein Hund; schon hörst du das Geschwätz der Menschen. Ein Auto stinkt und schüttert. Übermorgen wird eine Lokomotive fauchen." (S. 171)

Hinter dir bleibt eine lange, lange Nacht

und eine große

SEHNSUCHT

(Schlusssatz in Curt Biging, Inari – Eine Lapplandfahrt, Büchergilde Gutenberg Berlin, 1930)

 

 

***

Curt Bigings Reise ist hier zu Ende. Er machte sie im Sommer etwa 1927 oder 1928. Geboren wurde er am 3. Januar 1887 in Posen, praktizierte als Arzt und veröffentlichte mehrere Bücher mit den Titeln "Tiere, Sonnen und Atome" (1930), "Ruach der Tiger" (1928) und "Deutsche Vorzeit - Deutsche Gegenwart" (1933).

Nach dem 2. Weltkrieg wurde er 1946 der erste frei gewählte Bürgermeister der Stadt Mölln und gehörte der SPD-Fraktion im Kreistag des Herzogtum Lauenburg an.

Er verstarb am 3. Oktober 1950 in Mölln.

***

Ein aufmerksamer Leser von dem Biging-Buch, Stefan Zeltner aus der Schweiz, weist freundlicherweise auf weitere Einzelheiten hin. 

Auf Seite 100 in seiner Ausgabe von 1930 steht:

"...aus altem Zeitungspapier Zigaretten drehen; die vertrockneten Pflanzenteile, die sie in die Hülsen wickeln, haben mit Tabak nur das gemein, dass sie klein geschnitten sind. Ich denke an den Stollen vor Verdun, aus dem ich rausgeworfen werden sollte, weil ich ein ähnliches Kraut rauchte. Hier würde die Mischung sichtlich als Delikatesse gewertet."

Er schließt aus dieser Passage, dass Biging während des ersten Weltkrieges bei Verdun gewesen sein muss. Er geht davon aus, dass in Friedenszeiten sich kein Normalsterblicher so lange in einem Stollen aufhalte, dass er Lust verspüre, Zigaretten zu rauchen, um sich die Zeit zu vertreiben - es sei denn, er sei Bergarbeiter. Biging war aber bekanntlich Arzt. Als der Krieg um Verdun am heftigsten wütete, war Biging 29 Jahre alt. Es ist also denkbar, dass er als junger Arzt an der Front war.

Weiter steht auf Seite 133:

"In diesem einstmals rein russischen Landstrich wohnen die Koltlappen, die im Gegensatz zu Ihren anderen Stammesbrüdern griechisch-katholisch sind. Die Mehrzahl ihrer Hütten als Stall zu bezeichnen, hiesse das liebe Vieh beleidigen. Ich bin nicht mäklig und habe mich im Kriege ebenso gewissenhaft gelaust wie die anderen, ich bin auch nicht ängstlich, aber in eine Koltlappenhütte habe ich mich nicht hineingetraut. Die stets verschlossenen Fenster sind an allen Fugen mit Papier verklebt, damit ja nichts von der guten Luft da drinnen nach aussen entweicht. Der Berliner hat für diese Sorte Wohnungskultur die schöne Formulierung: Besser ein warmer Mief als ein kalter Ozon. Die Düfte in diesen Gemächern müssen berauschend sein wie Schmuggelschnaps. Ich entsinne mich noch mit Grausen gewisser Bauernstuben im Schwarzwald, wo ich geraume Zeit durch landärztliche Tätigkeit die Bevölkerung zu dezimieren mich bestrebte."

Curt Biging arbeitete also eine geraume Zeit im Schwarzwald. In dieser Zeit hat er wahrscheinlich auch den Abstecher nach München gemacht, von wo der Passus über Hitler stammt:

"In Krunuuntupa ist hinreichend für Lektüre gesorgt. Mit Bleistift geschriebene Dokumente auf den Holzwänden und Pfosten legen Zeugnis für die schriftstellerische Begabung der Eingeborenen ab. Man hat reichliche Auswahl zwischen Poesie und Prosa, aber leider reichen meine finnischen Sprachkenntnisse nicht weit genug, um den Inhalt der Literaturdenkmäler zu entziffern. Hoffentlich steht die Wandliteratur auf einer höheren Stufe als in München auf dem Hauptbahnhof, wo das unkomplizierte, aber sinnige bajuvarische Gemüt sich auf der Herrentoilette mit den schlichten Wandsprüchen "Heil Hitler! Nieder mit Ebert!" begnügte." (Seite 158)

Der letzte Satz ist übrigens in den späteren Auflagen gestrichen worden.

Vielen Dank an Stefan Zeltner, Trin in der Schweiz! 

***

Von Curt Biging fand ich keine weiteren konkreten Hinweise am Inari-See. Gerne hätte ich weiter geforscht, aber mein Budget erlaubte keine intensiveren Recherchen. Wegen des engen Zeitrahmens und meiner Unerfahrenheit im Umgang mit einem Kanu zog ich es vor, mit einem motorisierten Boot die Stellen auf dem Inari-See abzufahren. 

Wenn Leser diesem Bericht noch weitere Informationen  hinzu fügen können, schreiben sie mir dies bitte mit Nachweisnennung an meine Emailadresse:

BigingInari@nordlandseite.de

 

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Herzlichen Dank für ihre Unterstützung bei den Recherchen zu dieser Geschichte:

Sauli Pätilä und seiner Familie, im Feriendorf "Pätilän Mökit" auf Uruniemi bei Inari

Tapani Lappalainen und seiner Frau Pirjo, Inari, [Homepage]

Stadtarchiv der Stadt Mölln

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Die finnischen Götter beschreibt der Finne Arto Paasilinna in seinem herrlichen Buch: 

Der Sohn des Donnergottes

Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach, deutschsprachige Ausgabe 2001, im Original 1984 (WSOY, Helsinki), 

ISBN 3-404-92082-1, Info: www.luebbe.de

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Das Buch von Karl Heinz und Maria Kramberg ist neu aufgelegt worden:

Lieber in Lappland

Der Winter auf der Fuchshalbinsel. Ein Experiment mit dem möglichen Glück.

J. Latka-Verlag Bonn, Überarbeitete Auflage 2002

ISBN 3-925068-57-0, Info: www.latka.de

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Gelegentlich wird das Biging-Buch bei www.ebay.de angeboten, auch ist es wie andere Biging-Titel bei www.abebooks.de zu finden. Die 1. Auflage stammt von 1929, zuletzt wurde es 1934 aufgelegt. Inhaltlich gibt es einige Unterschiede zwischen den Auflagen. 

Als Vorlage für diese Geschichte dient die Ausgabe von 1930.

 

Autor: Th. Bujack
Alle Schwarzweißfotos sind dem Buch entnommen.
Copyright der Farbaufnahmen: NORDLANDSEITE
Veröffentlichung und Verbreitung nur mit Einverständnis des Autors!

Alle Rechte bei der  NORDLANDSEITE, 2003

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  Übersicht:
  Biging 1. Teil
  Biging 2. Teil
  Biging 3. Teil
*

Biging 4. Teil

 

 

Die autiotupa auf Hoika Petäjäsaari - bei mir machte sie einen brauchbaren Eindruck.

Diese finnischen Signaturen sind  von 1934 und 1936.

Holzplanken führen über den sumpfigen Waldboden.

Im Turm fehlt die Uhr.

 

Liebevoll restauriert...

 

...ist mittlerweile der Innenraum.

 

 

Tatu verkauft Postkarten und Infomaterial zur Kirche.