Curt Bigings erste Fahrt auf den Inari-See erfolgt von Ivalo aus.
Seine Karte hat "nur" einen Maßstab von 1:400 000, während
ich eine im Maßstab von 1:50 000 benutzen kann. Auch habe
ich ein Mobiltelefon mit dabei – natürlich nur für den
Notfall. Auf ein GPS-Gerät verzichte ich, statt dessen
orientiere ich mich in klassischer Form mit einem Wanderkompass, der keine
Batterien braucht. Das Biging-Kanu tausche ich mangels
Erfahrung gegen ein kleines Motorboot.
Grippe
Von Ivalo aus steuert Biging mit seinem
Klepperboot die Insel Mahlatti an und erkrankt dort an einer
fiebrigen Grippe. Nach drei Tagen erholt sich der
Inari-Paddler:
"(...)
der böse Geist vermag den Ansturm von Salizylsäure, Chinin
und Akonit nicht standhalten." (S. 45)
Bigings erstes Ziel ist das Kirchdorf
Inari. Auf der Fahrt dorthin erlebt er die Besonderheiten
des lappländischen Wetters. Eben noch will er ein Foto von
dem Wolkenschauspiel machen, im nächsten Augenblick wird
sein Boot von den Wellen fast umgeworfen. Im dichten Regen
kann er ans Ufer flüchten. Diese Bucht tauft er
"Rettungsbucht".
Pfarrer und Thule
Im Kirchdorf Inari wird Biging von dem
Pfarrer Itkonen herzlich aufgenommen. Mit ihm fährt er
nordwärts nach "Thule", dem Hof von Uno
Vaenerberg - ein wohl damals bekannter Mann zwischen Ivalo
und Utsjoki, weil er dort die Post einsammelt und austeilt.
Für seine Botendienste benutzt Vaenerberg einen uralten
Ford:
"Man
muß nur einmal den Weg zwischen Ivalo und Inari gesehen
haben, um Respekt vor dem alten Klapperkasten zu bekommen.
Ein Wagen, der jahrelang fast tagtäglich diese Strecke
zurücklegt, ohne sich dabei in seine Bestandteile
aufzulösen, verdient aufrichtige Hochachtung." (S. 61)
Radwege auf der Landstraße
Die Landstraße Nr. 4
zwischen Inari und Ivalo ist mittlerweile gut
ausgebaut. Im Sommer 2002 haben sogar die Arbeiten
für einen Radweg entlang der viel befahrenen Landstraße
begonnen, der etwa vier Kilometer vor dem Kirchdorf beginnen
soll.
Meine Recherchen in Inari, etwas über
dieses sagenhafte Thule zu erfahren, bleiben leider erfolglos. Eine Familie Vaenerberg ist hier nicht bekannt.
Auch die Busfahrer, die zwischen Utsjoki und dem Kirchdorf
pendeln, wissen nichts von diesem damaligen Postboten. Dabei
muss dieser Vaenerberg - oder auch Veneberg - einen großen
Hof etwa 15 Kilometer nördlich von Inari bei dem Ort
Kaamanen gehabt haben. Dieser Hof war wohl damals der
touristische Anziehungspunkt in Lappland, denn viele
Reisende suchten hier Rat und Hilfe.
Finnischer Kaffee
Sauli
lädt mich zu einer Tasse Kaffee ein – es ist frischer
Bohnenkaffee. Sonst ist hier die Kaffeekultur, wie
eigentlich in ganz Skandinavien meiner Meinung nach eher
grauenvoll. Wer kennt sie nicht, die ewig erhitzen
braunfleckigen Glaskannen auf den Heizplatten neben den
Kassen an den Tankstellen, Hotels, Bars oder Restaurants.
Nur die Erinnerung an den heimischen Kaffee lässt mich
morgens endgültig wach werden, ansonsten bereitet mir der finnische
Kaffee Kopf-, Hals-, Mund- und Magenschmerzen. Aber der
finnische Kaffee ist - oder war zumindest - etwas spezielles. Oft stecken die Finnen ein Zuckerstück in den
Mund und schlürfen dadurch ihren Kaffee:
"Kaffee
ist das Nationalheiligtum in Lappland. Selbst die Männer
trinken ihn mit Behagen, wenn sie nicht gerade einmal
heimlich destillieren oder geschmuggelten Schnaps erwischen.
Man kann nicht behaupten, daß der Kaffee, den man in
Lappland zu trinken bekommt, immer gut ist, aber rein ist er
auf jeden Fall. Die Frauen brennen ihn selbst, und dabei
kommt natürlich bisweilen ein recht merkwürdiges Aroma
zustande. Außerdem benutzen sie Kaffeemühlen, die offenbar
von den ersten Missionaren vor einigen hundert Jahren ins
Land gekommen sind und die Schärfe ihres Gebisses
eingebüßt haben. Die grobe Mahlung gestattet natürlich
keine gründliche Ausnützung des Kaffees, doch kaum wird
eine Hausfrau es wagen, einen Zusatz anzuwenden. Eine
Pfarrersfrau soll es einmal riskiert haben, als die Frauen
des Kirchspiels von ihr bewirtet wurden. Es hat Jahre
gedauert, bis die Frau sich rehabilitiert hatte. Auch ihres
Mannes guter Ruf war dahin, denn wie kann man zu einem
Pastor Vertrauen haben, dessen Frau sich nicht schämt, ihre
Gäste mit Kaffeezusatz zu betrügen. Das kommt gleich
hinterm Renntierstehlen." (S.
63f)
Fahrt über den Inari
Zurück von Thule wird Biging zu einer
Fahrt mit einem anderen "Postagenten" entlang des
Inari-Sees eingeladen, um von dort dann weiter die 150
Kilometer zur Eismeerküste weiter zu reisen. Dabei
passieren sie u. a. eine Fischerhütte namens Tukha-Sammeli,
wo der Sandstrand dunkel violett schimmert. Rauchquarz, so
vermutet Biging auf Seite 75.
Fast genau auf dem 69. Breitengrad macht
die kleine Gesellschaft Halt neben einer idyllischen Bucht
mit einer wild romantischen Landschaft:
"Der
Postmann führt mich zu einem riesigem Felsblock, der alles
überragt; der Block liegt hohl auf kleinerem Felsen und
bildet eine natürliche Höhle. Er ist schon von weitem
sichtbar und stellt eine Landmarke dar, die keine
Verwechslung gestattet."
(S. 76)
Einige Kilometer weiter rasten die Männer
zu einer Kaffeepause auf Akuniemi. Der Postmann erzählt von
einer "echten Lapinkota" in der Nähe:
"(...)
und fahren zu einer Insel hinüber, die bei den Eingeborenen
Akusaari heißt; auf der Karte trägt sie keine Bezeichnung.
Beim Laden kommt uns eine mittelalterliche Lappenmadam
entgegen. Es sieht wenig luxuriös hier aus, zerrissene
Netze sind ausgebreitet, verwahrloste Boote liegen herum. An
den abgebrochenen Zweigen von niedrigen Bäumen und
Sträuchern stecken getrocknete Fischköpfe; (...) und
glaube erst daß es sich um einen Aberglauben handele.
Später erfahre ich, daß diese Sitte einen sehr realen
ökonomischen Hintergrund hat; vor dem Winter werden diese
Fischköpfe eingesammelt, und man kocht aus ihnen eine
Suppe, die als Kraftfutter für das Vieh verwendet wird, um
der Nahrung der Tiere die nötigen Phosphate und
Eiweißstoffe zuzusetzen, weil das Wiesenheu wenig
Bestandteile dieser Art enthält."
(S. 78)
Mit dem Fotoapparat macht Biging einige
Bilder:
"Ich
photographiere auch ihre Villa, einen etwa anderthalb Meter
hohen unterstandsähnlichen Bau aus schräggestellten
Knüppeln, die mit Erde beworfen sind. Innen steht ein
primitiver Kamin aus horizontalen geschichteten, flachen
Steinen, wie man ihn in allen Hütten dieser Gegend findet.
Der Fußboden, der mit dem Erdboden identisch ist, hat einen
Teppich aus zerschnittenen Zweigen. Außer einem Hocker ist
kein Unrat zu sehen, es hätte auch keinen Platz. Wo und wie
die Frau in diesem Loche schläft, weiß ich nicht;
vermutlich rollt sie sich wie ein Igel zusammen." (S. 78)
weiter...